Nutzofest


Zuerst die schlechte Nachricht: Die guten Zeiten sind vorbei. Und nun die gute Nachricht: Wir alle können uns trotzdem auf den Weg machen, bis zum Ende wir selbst bleiben und auch noch heil ankommen.


1.

Unser Leben ist nicht planbar. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu ist aber, dass sie bei uns allen angekommen ist. Und neu ist auch, dass nicht mehr der Tod die große Unsicherheit begründet sondern das Leben.

Das liegt an der Postmoderne. Die ist keine Theorie sondern die korrekte Beschreibung einer Entwicklung, die nicht umkehrbar ist: Die Welt, in der wir leben, ist nicht ordentlich. Sie ist unendlich vielschichtig, komplex, kaum entschlüsselbar, oft bedrohlich, mitunter das reinste Chaos. Endgültige Lösungen gibt es nicht mehr. Was wir tun hat Folgen und ihr Gegenteil. Was wir lassen auch. Ob wir das wollen oder nicht, ob wir das wissen oder nicht: Jede Entscheidung, jede Handlung von Menschen beeinflusst andere Entscheidungen, unsere eigenen und die von Menschen, die wir gar nicht kennen. Und umgekehrt.

Richtige Entscheidungen, richtige Handlungen, richtiges Leben scheint es gar nicht mehr zu geben. Die Folge ist Angst: Angst, nicht zu bekommen, was wir verdienen, wollen oder brauchen, letztlich die Angst, mit unserem ganzen Leben auf das falsche Pferd zu setzen.


2.

Diese Angst an sich nicht neu. An sich war sie schon immer Triebfeder des menschlichen Strebens nach Anerkennung, Sicherheit, Frieden, Wohlstand, Hilfsbereitschaft, Eingebundensein, Verlässlichkeit, Selbstverwirklichung, Selbstvertrauen, Gerechtigkeit, Solidarität, Liebe, Abwechslung, Glück und der aktiven Abwehr von Missachtung, Unsicherheit, Aggression, zwischenmenschlicher und sozialer Kälte, Ungerechtigkeit, Hass, Krieg, Verlogenheit, Langeweile und Armut (Schellberg/Knigge).

Neu ist: Wir sind dieser Angst stärker ausgeliefert als je zuvor. Denn in der Postmoderne sind die Regeln, Instrumente, Gesetze der ordentlichen Welt der Vergangenheit nutzlos geworden. Was gestern noch funktioniert hat, funktioniert nicht mehr. Zumindest nicht mehr so wie gedacht. Zumindest nicht ohne erhebliches Risiko, da die Auswirkungen eines Verhaltens sich nicht nur potenziert haben, sondern auch unberechenbar geworden sind.

Denn die Welt, in der wir leben, ist unwiderruflich unordentlich. Herkömmliche Systeme, Regeln, Abkürzungen, Leitsätze können den Einzelnen und sein Gewissen zwar immer noch vorübergehend entlasten, aber die Gewissheit wächst: Nix is fix (Fendrich).


3.

Unordnung, Angst, Risiko: Gute Zeiten für Heilsverkünder und Glücksritter, für Abenteurer, Ellenbogenausfahrer und Überleichengeher natürlich auch. Denn die gibt es immer noch, und die wird es immer geben, weil Korruption, Kumpanei und Verbrechen gerade dann als attraktive Alternativen zum befürchteten Untergang erscheinen, wenn der lautere Weg schwerer wird. Wobei die wachsende Unsicherheit auch den Tricksern Sorgen macht: Niemand schätzt ehrliche Menschen mehr als ein hartnäckiger Betrüger.

Die Hauptopfer der Unsicherheit sind aber die vielen Menschen, die eigentlich anständig und ehrlich weiterkommen wollen, zunehmend aber den Eindruck gewinnen, dass ihnen kaum etwas beim Weiterkommen so hinderlich ist wie Anstand und Ehrlichkeit. Liegen sie damit richtig? Handeln sie klug, wenn diesen Ballast über Bord werfen?

Mal ehrlich: Wenn selbst die Management-Stars, die vor 10 Jahren die Seiten der Wirtschaftswoche gefüllt haben (die Essers, Middelhoffs, Kirchs, Breuers oder die anderen, die Flieges, Emigs, Hörigs, Specks) nicht mehr sicher mit ihren Schäfchen im Trockenen ankommen, sind dann Abkürzungen quer durch die Moral wirklich klüger als der gerade Weg?


4.

Karl Theodor zu Guttenberg, Madeleine Schickedanz und Thomas Middelhoff sind Paradebeispiele dafür, dass nicht alle Bäume in den Himmel wachsen, und wenn, dann bleiben sie nicht lange stehen. Vielleicht würden die drei, könnte man am Kaminfeuer mit ihnen plaudern, vom Ende der Machbarkeit sprechen und davon, dass sie letztlich über Kleinigkeiten gestolpert seien, die mit mehr Übersicht, besserer Planung oder auch größerer Entschlossenheit hätten vermeiden können.

Und doch sind sie über das Leben selbst gestolpert, das sie im Griff zu haben glaubten, für das sie die Anleitung zu kennen dachten, und das doch manchmal viel banaler aber brutaler ist, als sie für möglich gehalten hatten. Denn in Wirklichkeit hängt zwar schon immer alles mit allem zusammen doch erst neuerdings, im Evernet tut es das in Sekundenschnelle und überall per Tweets, Wikis, Blogs, IMs. Bessere Planung? Vorbei, vorbei, Du gute, alte Moderne. Nicht nur für die Stars, sondern auch für Dich und mich und sogar für Institutionen und Unternehmen.


5.

Für Letztere haben Unternehmensberater allerdings schon die Formel gefunden, die Unternehmen anwenden müssen, um in postmoderner Komplexität überleben zu können: Identität! So empfiehlt z.B. Simon Sinek in „Start with Why“ allen Unternehmen eine klare Definition dessen, was ihr Wesen ausmacht. Normalerweise ist das nicht ihr Produkt – darin drückt sich das Wesen, das „Why“, lediglich aus. Denn Imagebildung und Abgrenzung vom Wettbewerb sind nach Sinek am wirksamsten und Organisation und Strategie am nachhaltigsten, wenn sie sich aus dem Why ergeben, aus dem Warum und Wozu der Existenz eines Unternehmens, daraus, woran das Unternehmen glaubt.

Je stärker die Methoden (How) und Produkte (What) des Unternehmens seinem inneren Wesen, seinem Why entsprechen, desto größer wird die Treue der Kunden und übrigens auch der Mitarbeiter sein. Sinek begründet diese Wirksamkeit mit neurologischen Zusammenhängen: Das Why und das How entsprechen den archaischeren Teilen unseres Gehirns, dem Stamm- und dem Zwischenhirn, den Sitzen der Triebe und Gefühle, das What dem Groß- bzw. Stirnhirn, dem Sitz des Verstandes und des analytischen Denkens.

Sineks Musterbeispiel für ein Unternehmen, das mit dem Why beginnt, ist das Softwareunternehmen Apple: Von Anfang an verstand sich Apple als Vorkämpfer des Individuums gegen das Establishment. Das ist Apples Why. Apples How besteht darin, auf jedem denkbaren Gebiet den Status quo in Frage zu stellen, herkömmliche Sichtweisen zu überprüfen, anerkannte Fakten aus neuen Perspektiven zu betrachten. Apples What waren ursprünglich Computer. Inzwischen hat das Unternehmen erfolgreich auch in anderen Branchen das Establishment das Fürchten gelehrt.

6.
Aber was können ganz normale Menschen tun? Wie sollen sie ohne Übung und Erfahrung nicht nur die Postmoderne analysieren, von der sie kaum mehr als die Unfassbarkeit zu fassen beginnen, sondern auch noch sich selbst? Was ist mit denen, die die Ratschläge von Me-Conomy-Spezialisten gar nicht erst verstehen? Reicht es ihnen, ihr Leben noch mehr zu simplifizieren? Oder gilt für sie das gleiche, was für Unternehmen gilt: dass nur konsistente Haltung und klares Selbstbewusstsein die notwendige Flexibilität im Denken und Handeln zu ermöglichen, da sie diesen als Leitlinie im dynamischem Allüberallwandel dienen können. Wenn ja, wie soll der Einzelne dazu in der Lage sein, das bestimmen zu können, was selbst DAX-Unternehmen allzuoft selbst unter massivem Beratereinsatz nicht schaffen? Wie sollen sie ihre Mitte, ihre Essenz, ihr Sein und ihr Wollen definieren? Am besten noch zwischen der Erschießung Osama bin Ladens in Abbottabad und der Grand-Prix-Verteidigung Lena Meyer-Landruts in Düsseldorf?


7.

Gott sei Dank ist die Lösung viel einfacher: Sie müssen es gar nicht erst, denn anders als Organisationen tragen sie ihr Sein und Wollen immer mit sich. Ohne es in Worte fassen zu können, fühlen sie dennoch jederzeit, was sie sind, was sie wollen und vor allen Dingen, was sie nicht wollen. Intuitiv trägt jeder Mensch einen Kompass in sich, der ihm – wenn er ihn zu benutzen lernt – situationsunabhängig untrüglich die ganz persönliche Orientierung weist.

Dieser Kompass bewertet den individuellen Gesamtnutzen und seine Einzelbestandteile. Dabei ist der aktuell wahrgenommene Gesamtnutzen eines Menschen die gewichtete Summe sämtlicher mit aktuellen und potentiellen Handlungsalternativen verbundener Teilnutzen, konkret der mit ihnen als verbunden erlebten Vor- und Nachteile. Je größer und vielfältiger dieser Gesamtnutzen ist, desto mehr ist der Mensch mit sich selbst im Einklang, je geringer die Teilnutzen, desto weniger erstrebenswert erscheinen die mit ihnen verbundenen Möglichkeiten.

Wer den persönlichen Kompass des individuellen Wollens und Seins bedienen zu bedienen können will, muss zuvor erkennen, dass sowohl die positiven als auch die negativen Nutzenelemente, die Kosten, in Ergebnis-, Prozess,- Persönlichkeits- und Prosumtionsnutzen und entsprechende Kosten unterschieden werden können. Von diesen entspricht Ergebnisnutzen dem herkömmlichen Verständnis von Nutzen.
Er bezeichnet einen Nutzenbestandteil, der aus dem intendiert aktiv hervorgebrachten Ergebnis einer Transaktion gezogen werden kann: „Man hat etwas geleistet, man hat etwas gelernt, man hat ein Werkstück hergestellt oder etwas repariert, man hat eine Aufgabe gelöst, (…), man hat sich gesättigt oder für andere Menschen gesorgt.“ (Scherhorn)

Prozessnutzen hingegen bezeichnet den Grad der Befriedigung, die man bei der Handlung selbst empfindet, weil die Aktivität an sich Freude macht und Funktionslust hervorbringt (Erbauungs- und Erlebniswert). Darüber hinaus kann er aus Prozessen und Entscheidungsverfahren gezogen werden, die die Grundbedürfnisse des menschlichen Selbst nach Autonomie, Kompetenz und Beziehung befriedigen (intrinsischer Nutzen).

Demgegenüber ist der Persönlichkeitsnutzen der Bedürfnisbefriedigungsgrad, der vor dem Hintergrund der subjektiven, kulturellen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen aus der individuellen Interpretation der Auswirkung der Realisierung eines Transaktionsprozesses auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung der eigenen Person wahrgenommen wird.

Und der Prosumtionsnutzen resultiert aus der Tatsache, dass sich Nutzenwirkungen erst bei nachfolgenden Austauschen einstellen können oder einmal realisierte Nutzenpotentiale dazu geeignet sind ebensolches in anderen Transaktionen zu unterstützen oder gar erst zu ermöglichen. So können z.B. „… aus dem einen Transaktionsprozess gewonnenen Informationen (…) durch ihre Anwendung im Rahmen nachfolgender, anderer Transaktionsprozesse von großem Nutzen sein.“ (Mattmüller/Tunder)


8.

Die nähere Analyse der unterschiedlichen Nutzen- und Kostendimensionen des Gesamtnutzens zeigt also: Wohlverstandener Egoismus hat sehr viel mit Altruismus zu tun. Denn das eigene Wohl ist auf das engste mit dem anderer Menschen verbunden. Diese Erkenntnis ist nicht neu (Die Kreuzigung Christi ist bald 2000 Jahre her), aber erst jetzt beginnen wir zu begreifen, dass sie sich nicht nur auf das Jenseits bezog (Open Source, free economy).

Das ist besonders deshalb faszinierend, weil das Gefangenendilemma nicht nur theoretisch spannend, sondern auch praktisch alltäglich virulent ist. Denn bei aller Gefahr ist die Balance zwischen Eigen- und Fremdinteresse in der Postmoderne die einzige wirklich belastbare Richtschnur in aller Diskontinuität und Dynamik und Komplexität, um sicher oder zumindest „heil“ am Ziel des eigenen Handelns (Lebensende, Rentenalter, nächster Karrieresprung) anzukommen. Und „heil anzukommen“ wäre doch schon mal was in einer unberechenbaren Zeit wie der heutigen, oder? Denn was ist z.B. ein Lebensende wert, an dem man Millionen hinterlässt, aber sich selbst nicht mag, mit der Familie zerfallen ist, unerfüllten Träumen hinterher weint? Wie glücklich macht auf Dauer der Karrieresprung auf Kosten anderer?


9.

Nur wie schaffe ich das: Kurs halten zwischen meinen und den Bedürfnissen anderer? Wie kommt der innere Kompass Richtung „heil ankommen“ zur Anwendung? Bisher in der Regel nur zufällig und unbewusst, nicht aktiv und nicht konsistent, also aus dem Bauch heraus und zu oft lediglich flüchtig. Zwar zeigt er auch dann stetig Richtung „Ziel“, aber den Weg dahin, Hindernisse und Umwege kann man so nicht erkennen.

Darum wollen wir einen konkreten Kompass konstruieren, der den inneren Kompass sichtbar und folglich benutzbar macht, einen Kompass, der hilft, den Kurs zu halten, indem er das intuitive Abwägen von Eigen- und Fremdinteresse systematisiert und objektiviert, sogar in der alltäglichsten Alltagsituation, im besten Fall immer.


10.

In ihrer akademischen Grundform ist die Funktion dieses Kompanten (!) extrem abstrakt. Aber der Beweis lässt sich führen, dass sie berechenbar ist. Tief im Innern dieses Uhrwerks drehen sich die Rädchen nach Gesetzen, auf die selbst in der Postmoderne Verlass ist, und sie analysieren jeden Transaktionsprozess nach Kosten und Nutzen.

Und sie messen dabei nicht nur genauer als der Taschenrechner des herkömmlichen Unternehmensberaters, sie messen auch Nutzen, die der Taschenrechner gar nicht kennt. Postmodern ist dieser Kompass dabei durchaus: Wie der Kompass von Captain Jack Sparrow zeigt er zwar bei jedem Benutzer dasselbe Ergebnis an, aber auch bei jedem Benutzer ein anderes.

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