Serie: Was ist Aufmerksamkeit eigentlich (5)

[[[[ Zu oft thematisiert, zu undifferenziert diskutiert, zu oft unfundiert erklärt und überhaupt: die menschlichen Aufmerksamkeit ist trotzdem (oder grade deshalb?) mein Steckenpferd. Nicht nur weil sie eine der knappsten Ressourcen und begehrtesten Einkommen unserer postmodernen Welt darstellt, sondern auch weil sie zu erringen, zu halten und zu nutzen DIE Kernkompetenz des guten Marketers sein sollte. Mit dieser Serie will ich den Gesprächen über Aufmerksamkeit etwas mehr Seriosität zurück geben…]]]]

Bei Teil 1 beginnen?
Oder hier weiterlesen:

(…)

6.
Dabei bleibt im Rahmen der, für die Selbstorganisationsprozesse des Gehirns bedeutsamen, Gedächtnis- und Bewertungssysteme die zentrale Rolle genetisch bedingter sowie soziologischer und psychologisch geprägter Einflussfaktoren (Erfahrungswissen und Lernen) in Form des individuellem Bewertungsgedächtnis, in dem die gesamte subjektive Lebenserfahrung abgelegt ist, bestehen; auch hier werden in Elementarereignisse zerlegte Umweltereignisse nach teils stammesgeschichtlich erworbenen und teils erfahrungsbedingten Regeln in neuronalen Ensembles repräsentiert. Allerdings: Nun verstanden als zentrale Determinanten auch von Aufmerksamkeit, ist erst die Anerkennung ihrer Mehrdimensionalität, ihrer Labilität, ihrer Kombination innerhalb der allgemeinen Prozess-Dynamik der Schlüssel für das Verständnis von Kaufverhalten in Zeiten des Informationsüberflusses, da er den Focus der Betrachtung von der singulären Determinanten-Einheit (DIE Einstellung, DIE Motivation, DAS Involvement, etc.) hin auch zu einem kompetitiven System einer Vielzahl dieser Einheiten lenkt.

7.
Und damit sind es auch nicht mehr Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der einzelnen Einstellung und entsprechendem Folgeverhalten, nach der Messung von bestimmtem Involvement oder die nach der einzelnen Motiventstehung, die im Mittelpunkt der Betrachtung eines derart dynamischen vieldimensionalen Modells stehen können. Vielmehr sind es Fragen, die sich mit den Prinzipien und Besonderheiten des Gesamtprozesses befassen, die Erklärungen dafür finden wollen, wie auch unter Informationsflut konsistente Iterationen des Gesamtprozesses stattfinden können, die Strukturen der Ensembles der Inhalte des Bewertungsgedächtnisses, die Verhalten begünstigen, zu definieren trach-ten.

8.
Allerdings: Um sie einer vollständigen Beantwortung zuzuführen ist es notwendig, in die Betrachtung des Zusammenhanges zwischen Aufmerksamkeit und Verhalten eine letzte neuere Erkenntnis moderner Neurobiologie einzuführen: Die Existenz und das Wesen des „Ich“ bzw. „Selbst“ des Menschen; einer Konstruktion des Gehirns, die zwingend notwendig für die Verarbeitung komplexer In-formationen und langfristige Handlungsplanung ist, indem sie die Repräsentationen eigener und anderer realer und/oder virtueller Wahrnehmung sowie realer und/oder virtueller Handlungen zueinander in Beziehung setzen und beeinflussen kann.

9.
Das Ich ist das empfundene Zentrum der individuellen virtuellen Welt, die als subjektive Erlebniswelt durch jegliche Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Gefühle, Wünsche oder Pläne repräsentiert ist, indem die Kombinationen vergangener und aktueller Selbstempfindungen zusammengebunden und in den Strom der Ich–Empfindungen (stream of consciousness) eingestellt werden. Es handelt sich jedoch nicht um ein real existierendes Konversionszentrum, sondern um ein vereinfachendes Phänomen des menschlichen Gehhirns, da es ihm nicht möglich ist, alle Unter- und Untersysteme, die an der Kontrolle und dem letztlichen Auslösen einer Handlung beteiligt sind, zu erfassen. Statt diese Systeme also bewusst und willentlich zu begleiten oder auszulösen, werden sie diesbezüglich zusammenfassend und integrierend ex ante einem Zuschreibungen- (Identität), einem Handlungen- (Intentionen, Willen) und Legitimationen-begündenden Ich zugeschrieben. Doch obwohl es sich dabei lediglich um eine vom Gehirn konstruierte Fiktion handelt, ist es ein wichtiges Faktum individuellen emotionalen Überlebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens: Da Wissen nicht übertragen, sondern nur wechselseitig konstruiert werden kann, diese Konstruktion aber auf der Exis-tenz konsensualer Zustände aufbauen muss, ist das Ich die interne Instanz, die Erklärungs- und Rechtfertigungszwänge in die virtuelle Welt des Gehirn trägt und iterative virtuelle wechselseitige Be-spiegelungen im je anderen ermöglicht, also eigene Handlungen vor sich selbst und insbesondere auch vor anderen, also der sozialen Umwelt, zu einer plausiblen Einheit zusammenfügt.

Fortsetzung: Weiter zu Teil 6.