Der lange Weg zum Nutzomaten (9) – MVP oder nie

{Dies ist der 9. Teil einer Miniserie. Ich empfehle am Anfang zu beginnen und sich dann Post für Post nach vorne zu hangeln. Hier geht´s zum Nr. (1)- Post }
Wenn wir tatsächlich einen Nutzomaten bauen wollten, 
dann könnte er so oder so oder so aussehen (sagt die KI):


Variante A: Entscheidungsassistent

Nutzer vergleicht konkrete Alternativen.

Beispiel:

  • Soll ich Produkt A oder B kaufen?
  • Soll ich kündigen oder bleiben?
  • Soll ich dieses Feature nutzen?

Die App zeigt:

  • Gesamtvergleich
  • Treiber der Entscheidung
  • dominante Nutzenarten
  • versteckte Kosten
  • Zukunftseffekte


Variante B: persönliches Nutzenprofil

Die App lernt über Zeit, wie der Nutzer typischerweise entscheidet. Dann wird aus der App kein Taschenrechner, sondern ein Nutzenprofil-System:

  • Welche Nutzenarten dominieren bei dir?
  • Wo überschätzt du Ergebnisnutzen?
  • Wo unterschätzt du Transaktionskosten?
  • Wo priorisierst du Identität vor Effizienz?

Variante C: B2B/Marktmodell

Unternehmen nutzen die App, um Zielgruppen-Nutzenkalküle zu modellieren. Dann musst du nicht nur Individuen, sondern Cluster modellieren:

  • Nutzersegmente
  • Situationscluster
  • alternative Nutzenarchitekturen

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Wir wollen sofort und schnell loslegen:
Also erstmal ein MVP als persönliches Nutzenprofil, ok?

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Schritt 1: Schreibe ein Nutzomat-Datenmodell

Enthalten sein müssen:

  • Definition jeder Nutzenart
  • Definition jeder Kostenart
  • Unterschied zwischen Person, Situation, Alternative
  • Regeln der Aggregation
  • Regeln der Gewichtung
  • Regeln für Unsicherheit

Schritt 2: Erstelle einen Fragenkatalog.

Pro Dimension 5–10 gute Items.

Also etwa:

  • Ergebnisnutzen: 8 Fragen
  • Prozessnutzen: 8 Fragen
  • Persönlichkeitsnutzen: 8 Fragen
  • Prosumtionsnutzen: 8 Fragen
  • Inputkosten: 5 Fragen
  • Transaktionskosten: 8 Fragen

Nicht sofort 200 Fragen. Sonst flieht dir jeder Nutzer schneller als ein Praktikant vor dem Wort „Validierungsworkshop“.

Schritt 3: Definiere ein Scoring-Modell.

  • Likert-Skalen
  • einfache Gewichtungen
  • situative Multiplikatoren
  • Vergleichsvisualisierung

Schritt 4: Baue einen Low-Fidelity-Prototyp. Kein Code am Anfang

  • Figma
  • Notion
  • Airtable
  • Spreadsheet-Prototyp

Ziel: Teste, ob Menschen ihre Nutzenkalküle überhaupt verständlich eingeben können.

Schritt 5: Mache 20–30 echte Entscheidungstests.

Lass Nutzer:

  • reale Entscheidungen eingeben
  • Prognose der App sehen
  • tatsächliche Entscheidung dokumentieren
  • später Zufriedenheit rückmelden

Dann lernst du:

  • welche Items taugen
  • welche Gewichte schlecht sind
  • welche Dimensionen fehlen

Schritt 6: Definiere die Architektur

> Frontend

  • Web-App zuerst
  • mobile responsive
  • Fokus auf Entscheidungsflows, nicht auf Dashboard-Spielerei

> Backend

  • Nutzerprofil
  • Situationsmodell
  • Alternativenmodell
  • Rechenengine
  • Lernmodul

> Datenbank

> Tabellen oder Collections für:

  • users
  • situations
  • alternatives
  • ratings
  • weights
  • decisions
  • outcomes
  • learned_adjustments

> Rechenengine

Separat halten.
Nicht die Logik ins Frontend quetschen.
Die Engine sollte:

  • Scores berechnen
  • Gewichtungen anwenden
  • Unsicherheit modellieren
  • Erklärungen ausgeben (Sie muss sagen B ist vorne wegen hohem Prosumtionsnutzen, A verliert wegen hoher Transaktionskosten oder C passt besser zu deinem Identitätsprofil, aber schlechter zu deiner aktuellen Ressourcensituation

Schritt 6: So sollte das UX-seitig aussehen

Bildschirm 1
Welche Entscheidung willst du treffen?

Bildschirm 2
Welche Alternativen vergleichst du?

Bildschirm 3
In welcher Situation befindest du dich?

Bildschirm 4
Kurze Nutzen- und Kostenbewertung pro Alternative

Bildschirm 5
Gewichtungsabgleich:

  • Was ist dir gerade besonders wichtig?
  • Wovor willst du dich eher schützen?
  • Geht es eher um kurzfristigen Erfolg oder langfristigen Aufbau?

Bildschirm 6
Ergebnis:

  • Transaktionswert pro Alternative
  • Treiberanalyse
  • Sensitivitätsanalyse
  • Erklärung in Alltagssprache
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ABER ACHTUNG: Alles wissenschaftlich und praktisch halten
Wenn du willst, dass das mehr als ein schönes Denkspiel wird, brauchst du drei Validierungsebenen:
Konstruktvalidität: Messen deine Fragen wirklich Ergebnis-, Prozess-, Persönlichkeits- und Prosumtionsnutzen?
Prognosevalidität: Sagt dein Modell Entscheidungen besser voraus als Bauchgefühl oder einfache Kosten-Nutzen-Listen?
Zufriedenheitsvalidität: Führt die vom Modell empfohlene Alternative später häufiger zu höherer Zufriedenheit?
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Und nochmal ACHTUNG!
Größte Produktgefahren:
Erste Gefahr: Übervereinfachung.
Zweite Gefahr: Überkomplexität.
Dritte Gefahr: Menschen denken nicht in theoretischen
Vierte Gefahr: Keine Lernebene.
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Also (sagt die KI): Husch, husch. Leg los!
In dieser praktischen Reihenfolge:

  1. Das theoretische Modell in ein sauberes Produktmodell übersetzen.
    Nicht philosophisch, sondern als Daten- und Entscheidungslogik.
  2. Jede Nutzenart operationalisieren. Also in beobachtbare, beantwortbare Items verwandeln.
  3. Person-, Situations- und Alternativenebene getrennt modellieren.
  4. Ein erstes Gewichtungs- und Aggregationsmodell definieren.
  5. Mit realen Testentscheidungen pilotieren.
  6. Aus Nutzerdaten lernen, statt alles a priori festzuschreiben.
  7. Erklärbare Outputs bauen, nicht nur Scores.

Und dann sagte sie noch: Baue nicht sofort die große KI-App, die „alle menschlichen Entscheidungen versteht“. Das endet oft in digitalem Größenwahn mit hübschem UI.

Also bauen wir zuerst einen sehr fokussierten MVP, z.B. für:

  • Kaufentscheidungen für höherpreisige Produkte
  • Karriereentscheidungen
  • Marken-/Angebotsvergleich
  • Entscheidungsunterstützung im Coaching

Wer ist dabei?