Das ist die Ausgangssituation: Der Mensch ist ein soziales Wesen und steht, ob er es will oder nicht, in kontinuierlichem Austausch mit seiner Umwelt. Egal ob Ziel oder Nebeneffekt, Ergebnis der dabei stattfindenden Informations-, Interaktions- und Transaktionsprozesse ist immer die Definition und Beeinflussung der aktuellen individuellen Positionierung in der persönlichen Erlebniswelt und der Wahrnehmung anderer. Und die Verbesserung dieser Positionierung ist menschliches Grundbedürfnis. Allerdings wird die willentliche Veränderung dieser Position in der Attention Economy zunehmend schwerer. Zu viele Informationen, Botschaften, Fragestellungen, Ideen, Möglichkeiten, Optionen, Alternativen stehen in der Überflussgesellschaft zur Auswahl und behindern die Entscheidung für oder gegen diesem Zweck potentiell Dienliches. Und dieser Informations- und Entscheidungsüberfluss erhebt die menschliche Aufmerksamkeit zur entscheidenden „Währung“ (i.w.S., s.o.) mindestens auch des nächsten Jahrzehnts.

Die Lösung: an der Mensch-Computer-Schnittstelle wachsen Individuen und Technik aufeinander zu! Denn angesichts der die Realität des Einzelnen nun komplett prägenden postmodernen Welt ist es der einzig logische und gangbare Weg, den Austausch mit der Welt für den Einzelnen zu vereinfachen und handhabbarer zu gestalten, ihn in automatisierbaren Bereichen zu routinisieren und in nicht-automatisierbaren Bereichen im Hinblick auf schnelles Erkennen und Erfüllen von individuellen, situativen Ziele und Wünsche und Präferenzen zu organisieren. Es ist der einzig logische und gangbare Weg, da es inmitten unerbittlicher Informationsbombardements nur mit Hilfe von Software und entsprechenden Interfaces möglich sein wird, die individuelle Aufmerksamkeit dort zu verteidigen, zu schützen und zu focussieren wo es notwendig ist und dort zu imitieren und abzuziehen, wo es möglich ist. Nur wenn es gelingt, Informations-Vor-Auswahlen zu implementieren, Botschaften auf individuelle Relevanz hin zu scannen/zu filtern sowie Routine-Transaktionen (Einkaufen, Müllgang, etc.) zu automatisieren, können die fehlenden und begrenzten Ressourcen an psychischer Energie und Informationsverarbeitungskapazität des Gehirns ausgeglichen werden. Zu vielfältig sind die Transaktionsprozesse, die die Position des Individuums in seiner persönlichen Erlebniswelt potentiell beeinflussen können. Und zu zahlreich sind die alternativen Entscheidungen, die im Rahmen dieser Transaktionsprozesse zu treffen sind.

Das Ideal wäre also auf den ersten Blick: Maschinen lernen (indem sie uns beobachten, uns fragen, Aufträge annehmen, uns belauschen, all unsere Handlungen speichern und auswerten (vielleicht sogar Gedanken lesen?) alles über unsere Präferenzen, Wünsche, Ziele, Abneigungen (Was wir wann wie warum mögen und in welchen Situationen dann lieber doch nicht und wenn wohl oder übel doch, dann wie anders?). Und sie (die Alexas und Siris) wissen dadurch in jeder Situation, an jedem Ort, in jedem Gemütszustand, in jedem Kontext, um das aktuelle persönliche Bedürfnis und die jeweils passende Bedürfnisbefriedigungs-Alternative. Man müsste sich um nichts mehr kümmern, alles würde erledigt. Wunderbar….

„Wunderbar!“, sagt sich auch die Anbieterseite seit geraumer Zeit und tut so, als würde sie diese alternativlose Evolution zum Wohle des Konsumenten realisieren. Dabei nutzt sie den an sich richtigen Gedanken ausschließlich zum eigenen Wohl, denn die wachsende Transparenz, der Einblick in die Kundenwelt eröffnet dank Brainscanning-, Mindmarketing-, location-based-ter Marktforschung-, BigData oder anderweitig ermöglichter programmatischer Marketingmechanismen in erster Linie ständig neue vielversprechende Märkte und Marktpotentiale statt wachsende Beherrschbarkeit für die Nachfragerseite. Zwar ist der gläserne Konsument (noch) nicht Realität (zu schnell wechseln Präferenzen, zu wenig konsistent sind Ziele, zu komplex sind menschlichen Entscheidungsprozesse, als dass sie von objektiver Software alleine deckungsgleich nachgebildet werden könnten), aber die bis dato ungelösten Probleme in den Bereichen Informationszugriffs- und -nutzungrecht und Synchronisation und Sicherheit sind so immens, dass von einer WinWin-Entwicklung hier nicht gesprochen werden kann. (Wen`s interessiert, kann hier etwas von mir zum herrschenden Internetzentrismus und hier etwas zu Möglichkeiten der Zurückholung der Privatsphäre lesen.)

Finden wir das gut? Heute weniger denn je! Wird sich daran etwas ändern müssen? Ja! Aber: ohne die ermächtigte, datensichere und datengeschützte Integration des Einzelnen in die Pflege und das Management von Kundendaten und ohne den intensivem Aufmerksamkeitsfocus auf diese Mitwirkung ist kein denkbares funktionables System in der Lage, individuelle Aufmerksamkeitsvergabeprozesse zu imitieren und darauf basierende Entscheidungs- und Transaktionsprozesse zu automatisieren. Ohne intensive und enge Kollaboration mit dem ihnen vertrauenden User, wäre ein jeder Versuch zum Scheitern verurteilt, der zentrales Management einer so unvorstellbaren Kombinationsvielfalt, von individuellen Lebenssituationen, Interessensprofilen, Präferenzen, persönlichen Sonderwünschen, etc. mit technologischen Routinisierungsversuchen, zum Ziel hätte. Die Zauberworte sind spätestens übermorgen deshalb Empowerment und Motivation zu einem Mehr an individueller Aufmerksamkeit (auf das „Personal area network“) für ein Mehr an individueller Aufmerksamkeit (Credits gehen hier an Davenport/Beck) im Umgang und der Verwendung personeller Daten.

Beides wird allerdings nur in ausgesprochenen Vertauensbeziehungen zwischen Technik und Individuum möglich sein; in festen, engen Beziehungen, in denen kommunikativ und organisatorisch (auf User-Seite) das nötige Vertrauen zur Preisgabe und zum Mitmanagement sensibler Daten aufgebaut, sowie die erfolgreiche Implementation von „TAMS“ (Trusted-Attention Management-Systemen) möglich wird. Dabei sind „TAMS“ dynamische Datenbank-Systeme, die in der Lage sind, sicher und anonymisiert kundenindividuelle Datenbasen mit Live-Services (Commerce, Communication, Content, Community, Connectivity, Consultancy) zu verbinden. Sie übernehmen als Backend die Verwaltung individueller (Kunden-) Präferenzprofile, koordinieren die Kooperationen mit 2nd-Level-Serviceanbietern (Telcos, Medien, Händler, etc.) und können z.B. als Daten-Schnittstelle von Angebot und Nachfrage beim Multi-Service-Providing dienen. Erst auf ihrer Basis dürfte es Community-Organizern so z.B. möglich, Content-Broker-, Infomediary-; Preisagentur-, Partnervermittlungs-oder Time-Manager-Funktionen, etc anzubieten, sich also als zentrale Transaktionsplattform zu positionieren, indem SIE (wenn dazu ermächtigt) die Vergabe von psychischer Energie übernehmen/imitieren: SIE füllen automatisch Anmeldeformulare aus; SIE kontrollieren den Kontostand, SIE kaufen den Sprudel ein, SIE terminieren den Zahnarzt-Besuch, SIE laden allmorgentlich die Sport-Nachrichten aus dem Netz, SIE kontrollieren den Rechnungslauf…