Sag ich doch: sie ist nicht nur DIE Ressource und DAS Einkommen der Postmoderne. Sie ist auch DAS Schlagwort, das als Erklärung für immer mehr anscheinend nicht anders Erklärliches herhalten muss. So wird sie mal – in Form von aufmerksamkeitbedingter Selbstüberschätzung – als Grund für die erhöhte Hollywoodstarpaartrennungsrate im Anschluss an die jährlichen Oscar-Verleihungen misbraucht, muss mal als Basis gesellschaftlichen Zusammenhalts herhalten oder wird (ohne zwingenden Grund) zur Begründung eines abstrusen Heldenmythos herbeigezerrt. Sicher, ihr wird natürlich auch immer öfter, regelmäßig jedoch eher nicht mit neuen Erkentnisse versehen, der ihr gebührende Platz im gesellschaftlichen Diskurs eingeräumt: z.B. wenn es um Erziehungsfragen geht, das Medien-System erklärt wird oder man den fast schon perversen Kampf um Beachtung vorführt und achselzuckend hinnimmt. Aber immer öfter wird das Aufmerksamkeitsthema in etwas reinverwurstet, das einfach nicht zusammenpasst, was der Bedeutung dieser wichtigen psychischen Energie nicht gerecht wird und der Herausbildung einer nachhaltigen Aufmerksamkeitskultur – zu der meine entsprechende Beiträge hier vielleicht ein ganz kleines bischen beitragen – sträflich entgegenwirkt.

Und dann ist da manchmal, aber nur ganz, ganz selten doch etwas, das wirklich in eine neue Richtung weist, ein (Roh-?) Diamant im Informationsüberfluss sozusagen. So wie die Theorie U, eine der innovativsten, am MIT entwickelten theoretischen Perspektiven (auf das Management von Organisationen) der letzten Jahre. Ihre Kernidee: wie sich eine Situation entwickelt hängt davon ab, wie man an sie herangeht, d.h. von der eigenen (und in der Folge auch der organsaitionalen) Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Das hört sich auf den ersten Metern vielleicht etwas sehr esoterisch an, aber auf den zweiten Blick ist es vielleicht das, was dem Management auf dem Weg, auch unter Unsicherheit wirkungsvoll strategisch zu agieren, helfen kann.

Denn das nur so in postmodernen Zeiten mögliche „Von der Zukunft her führen“ bedeutet für den Erfinder der Theorie, „(…) Potenziale und Zukunftschancen zu erkennen und im Hinblick auf aktuelle Aufgaben zu erschließen. Und zwar (jetzt zitiere ich mich) indem, „(…) Entscheidungen darüber, was aus der Awareness in die Aufmerksamkeit, in das Bewusstsein, in Handlungen, in das Selbst, in neue Ziele, Zielvorstellungen, Regeln Übergang findet, (…) durch Unternehmen/Marken kontrolliert, beherrscht, gemanagt werden (…), indem Regeln festgelegt und focussiert konzentriert befolgt werden“ (aus dem Tobibiko-Manifest 1). Dabei sind diese Regeln und Prozesse gemäß dieser Theorie nichts für Technokraten, sondern eher auf der systemisch-emotionalen Ebene verortet und mit dem Begriff Presencing umschrieben und lenken den Fokus nicht durch Überlegungen des Was und des Wie etwas getan werde muss, sondern auf die grundsätzliche Frage nach dem Warum, nach dem Selbst, nach der Identität; diese Frage bestimmt die Qualität, die Struktur und die Steuerung von Aufmerksamkeit und damit von Denken und Handeln.

Wer mehr wissen will, soll mal hier nachlesen oder sich das hier anschauen, denn mich interessiert daran insbesondere, dass damit m.E. wissenschaftlich stimmig weiterentwickelt wird, was die Schaffung von mehr Ordnung im individuellen und/ oder organisationalen Bewusstsein, mehr innerem Einklang und mehr Zielgerichtetheit ermöglicht: „Ein individuelles Selbst bestimmt daraus abzuleitende Ziele und Zielvorstellungen, die als Wahrnehmungs- und Entscheidungsfilter bei der Bewertung von Kandidaten für die Aufmerksamkeits-Zuwendung dienen (attraction, avoiding). Nach der Entscheidung für oder gegen die Aufnahme in das Bewusstsein, wirken diese definierten Ziele als Handlungsrichtlinien weiter, indem sie direkt die Disziplin und Konzentration ihrer weiteren Verfolgung beeinflussen. Die dabei entstehenden Erfahrungen bestimmen in der Folge ihrerseits wiederum das ursprüngliche Selbst und die zukünftig daraus abzuleitenden „neuen“ Ziele“ (auch (aus dem Tobibiko-Manifest 1). Es handelt sich also um einen kontinuierlichen Kreislauf: „Wenn die Aufmerksamkeit, die psychische Energie, vom Selbst bestimmt wird und das Selbst die Summe aller Inhalte des Bewusstseins und die Struktur seiner Ziele ist, und wenn die Inhalte des Bewusstseins und die Ziele Folge der verschiedenen Weisen sind, Aufmerksamkeit zu lenken, dann haben wir ein System, das sich ohne deutlich erkennbare Gründe oder Wirkungen im Kreis bewegt. (…) Aufmerksamkeit formt das Selbst und wird wiederum von ihm geformt.“ (Csikszentmihalyi 1990)

Diese Erkenntnisse der modernen Psychologie – z.B. von Pope/Singer, mehr noch der Glücksforschung sind populäre und wirkungsvolle Erklärungsmodelle des menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens und m.E. zusammen mit Scharmers Ansatz Ausgangspunkt eines mächtigen, über den individuellen psychologischen Bereich hinausgehenden Denkansatzes. Insbesondere in den Bereich des strategischen Managements sind mit ihm neueste Erkenntnisse über die Bedeutung des Selbst, die ordnenden Funktion von Zielen und die menschliche Aufmerksamkeit überraschenderweise hervorragend übertragbar. Das will ich in den nächsten Tagen im Rahmen eine kleine Serie, die seine Wirksamkeit im Hinblick auf Komplexitätsbeherrschung, Ressourceneinsatzoptimierung und organisationale Peak Performance nachweist, versuchen zu zeigen. Mal sehen, ob´s gelingt…